Migräne als psychosomatische Krankheit
Die Anthroposophie beschreibt den Menschen als viergliedriges Wesen. Er besteht aus dem physischen Leib (Körper), dem Leib, der die Lebenskraft spendet (Ätherleib), einem kreativen, Bewusstsein schaffenden Innenleben (Seele) und dem übergeordneten, für die Organisation zuständigen Ich (Geist). Diese vier Glieder bilden eine in ständiger Wechselbeziehung stehende Einheit. Dabei herrscht eine hierarchische Ordnung: Der Ätherleib steht über dem physischen Leib, der selbst der Seele untergeordnet ist. Über allem jedoch aber steht der für die Gesamtpersönlichkeit zuständige Geist.
Diese Anschauung wird inzwischen teilweise auch von der modernen psychosomatischen Medizin vertreten, die von der Schulmedizin allerdings noch viel zu wenig beachtet wird. Die ganzheitliche Therapie von Schmerzen folgt dem anthroposophischen Menschenbild und erzielt deshalb oft auch dann noch gute Ergebnisse, wenn die schulmedizinische Behandlung nicht mehr hilft. Zwar spielen die Erbanlagen als Ursache der Migräne eine Rolle, dennoch kristallisiert sich immer deutlicher heraus, dass die Migräne stets von seelisch-geistigen Vorgängen beeinflusst wird. Freilich lässt sich kaum abschätzen, ob im Einzelfall die körperlichen oder psychischen Einflüsse überwiegen. Außerdem ist es praktisch unmöglich, die Ursachen der Migräne gegen die Störungen abzugrenzen, die sich im Verlauf der Krankheit bei vielen Patienten als Folgen des Leidens einstellen.
Unter den zahlreichen psychosomatischen Theorien wollen wir zwei besonders wichtige herausgreifen. Dabei sei aber eindringlich davor gewarnt, dem Patienten kurzerhand eine dieser Theorien als Ursache für seine Migräne darzustellen, das führt nur zu Vorurteilen. Der seelisch-geistige Hintergrund der Migräne kann nur im Einzelfall erkannt werden, alles andere wäre »Küchenpsychologie« gegen die sich die Betroffenen mit Recht wehren.
Eine der Ursachen könnte im Streben vieler Migränekranker nach Perfektionismus, außergewöhnlichen Leistungen und Erfolgen zu suchen sein. Es ist oft mit übersteigerter Angst vor Misserfolgen und Kritik verbunden. Dahinter stehen nach Meinung von Hans-Christoph Scheiner meist Kindheitserlebnisse: »Wenn wir in die Kindheitsgeschichte zurückgehen, dann haben uns die Eltern und die Lehrer und viele andere Über- lch-Figuren beigebracht, dass wir nur durch Leistung etwas darstellen, dass wir nur auf Grund von Leistung geliebt werden, dass wir als solches keinen Selbstwert haben. Dieser Mangel an bedingungsloser Liebe macht uns krank. «
Zugleich würde das erklären, weshalb Migräne familiär gehäuft vorkommt; Eltern, die ihre Kinder unter Leistungsdruck setzen, standen in ihrer eigenen Kindheit selbst unter hohem Leistungszwang, um sich Zuneigung zu erwerben. Die zu hohen Anforderungen bewirken zusammen mit der Angst vor dem Versagen starken Stress. Es geht ja nicht nur darum, im Alltag reibungslos zu funktionieren, sondern aus der Sicht des Migränekranken in erster Linie um Zuneigung, die man sich mit Leistung scheinbar erkaufen kann. Das kann über das vegetative Nervensystem die typischen Störungen der Gefäßregulation verursachen. Zugleich begünstigt der enorme
Stress Aggressionen, die aber unterdrückt werden, weil man fürchtet, die Zuneigung zu verlieren. Der Stress steigt und die Störung der Gefäßregulation wird schlimmer. Zwischendurch wird der Druck so übermächtig, dass nur die vorübergehende Flucht aus der Realität entlastet – und diese Flucht kann im akuten Migräneanfall bestehen. Wer unter derart heftigen Schmerzen leidet, von dem kann man keine besonders guten Leistungen erwarten. Er darf sogar Rücksicht und Zuwendung beanspruchen. Gleichzeitig kann der Schmerzanfall eine Selbstbestrafung für das vermeintliche »Versagen« sein, das sich die Betroffenen nicht eingestehen müssen.
Für die Stresstheorie des Migräneanfalls spricht auch noch die Tatsache, dass sich viele Patienten nach der Schmerzattacke für einige Zeit sehr wohl fühlen. Vielleicht liegt es daran, dass der Anfall den inneren Druck abgebaut hat. Leider hält das Wohlgefühl nicht lange an, denn der Alltag fordert bald wieder seine Rechte, erzeugt neuen hohen Stress und Aggressionen, die nicht zweckmäßig abreagiert werden können.
Verschiedene Untersuchungen weisen auf einen engen Zusammenhang zwischen Migräne und Sexualität hin. Einige Fachleute sehen im Migräneanfall sogar einen »Orgasmus im Kopf« mit den gleichen Gefäßreaktionen wie beim sexuellen Höhepunkt. Ob man das wirklich so auffassen kann, sei dahingestellt. Tatsächlich aber leiden viele Migränekranke unter sexuellen Problemen. Sie haben die Sexualität gleichsam in den Kopf verlagert und können sich beim Geschlechtsakt nicht den natürlichen sexuellen Reaktionen ihres Körpers hingeben. Deshalb finden sie auch nicht den lustvollen Höhepunkt mit anschließender Entspannung. Der Migräneanfall erscheint bei dieser Betrachtungsweise als ein vom Sexualtrieb erzwungener Scheinorgasmus, dem eine Phase des Wohlgefühls wie nach dem echten sexuellen Höhepunkt folgt.
Auch hier muss man sich natürlich wieder hüten zu verallgemeinern. Nicht jeder Migränepatient leidet unter sexuellen Schwierigkeiten, die meist durch falsche Erziehung in der Kindheit hervorgerufen werden (deshalb die familiäre Häufung der Migräne). Aber sie kommen so häufig vor, dass man im Einzelfall einen Zusammenhang nicht von der Hand weisen kann. Das stößt freilich sowohl bei Patienten als auch bei vielen Ärzten oft auf Widerstand, wird als unmöglich und unsinnig bezeichnet. Dadurch verfehlt man einen möglichen Ansatz für die erfolgreiche Therapie der Migräne.
Es gibt noch weitere seelische Probleme, die als Ursache der Migräne in Frage kommen. Zu nennen sind vor allem Depressionen, unter denen viele Migränekranke leiden. Allerdings lässt sich meist nur schwer zwischen Depressionen als Ursache und Folge der Schmerzattacken unterscheiden. Es versteht sich von selbst, dass die heftigen Schmerzen im Lauf der Zeit jede Lebensfreude rauben und zu einer anhaltenden depressiven Grundstimmung führen können. Darauf kann im Rahmen dieses Buchs nicht weiter eingegangen werden. Hier ging es darum, überhaupt auf mögliche psychische Einflüsse hinzuweisen, damit die Betroffenen allein oder zusammen mit dem Therapeuten versuchen, den individuellen seelischen Ursachen ihrer Migräne auf die Spur zu kommen.
Andere Ursachen
Da man bei den Ursachen der Migräne noch weitgehend im dunkeln tappt, werden noch verschiedene andere Ursachen diskutiert, die mehr oder weniger wahrscheinlich sind. Zum Teil steht dabei nicht genau fest, ob es sich um Ursachen oder auslösende Einflüsse handelt. Unter diesem Vorbehalt sind unter anderem Magen-, Leber- und Gallenblasenleiden, Fehler der Ernährung (vor allem übermäßiger Fleisch- und Wurstverzehr), chronische Mangelernährung, Wurmleiden, Alkohol- und Nikotinmissbrauch, chronische Mangelversorgung mit Sauerstoff, Augenkrankheiten und Wetterfühligkeit (vor allem Föhn) zu nennen. Die Zusammenhänge sind jedoch weitgehend unklar. Deshalb erübrigt es sich, an dieser Stelle weiter darauf einzugehen.
Die Vielzahl möglicher Ursachen sollte den Migränekranken zur sorgfältigen Selbstbeobachtung veranlassen. Dann kann er seinen Therapeuten über ungewöhnliche Beobachtungen informieren, die mit der Migräne in Zusammenhang stehen. Das erleichtert die Diagnose oft deutlich, es kann schneller wirksam behandelt werden. Übertreiben darf man die Selbstbeobachtung freilich nicht, denn wer ständig ängstlich-besorgt auf die Funktionen seines Körpers achtet, wird viele normale Empfindungen als krankhaft wahrnehmen, die ohne jede Bedeutung sind, und Gefahr laufen, als Hypochonder abgestempelt zu werden.